DE
  • AU
  • CA
  • CN
  • DE
  • JP
  • KR
  • NL
  • UK
  • US
  • MX

Am Head-Smashed-In Buffalo Jump bekommen Sie einen Einblick in die ausgeklügelten Jagdmethoden der First Nations

Autor: Jennifer Allford

Main image

Travel Alberta / Jeremy Fokkens

  • Thumbnail
  • Thumbnail
  • Thumbnail
  • Thumbnail

Möchten Sie lieber der Wolf oder das Bisonjunge sein? Denken Sie besser noch einmal genau darüber nach …

Jahrtausendelang vollzog sich auf einer Klippe im Süden Albertas jeden Herbst dasselbe Schauspiel: Die Jäger der Blackfoot-Indianer versammelten sich, um hunderte Bisons über den Rand der Felsen in den Tod zu treiben. Dabei setzten sie auf ein ausgeklügeltes System, bei dem jedem von ihnen eine ganz spezielle Aufgabe zukam.

Jetzt sind Sie an der Reihe, denn es geht darum, die Jagdszenen am Head-Smashed-In Buffalo Jump nachzustellen. Sind Sie eher der Typ großer, böser Wolf? Dann dürfen Sie sich das Wolfsfell um die Schultern legen und sich gedanklich schon mal in ein bedrohliches Tier verwandeln, das die Herde vom Rand aus in Aufregung versetzt. Vielleicht liegt Ihnen aber auch eher die Rolle des Lockvogels – dann nichts wie ab unter das Jungbisonfell und im Sprinttempo quer durch die Prärie. Im besten Fall sollten Sie schon bald wildes Hufgetrappel hinter sich hören – zumindest in Ihrer Vorstellung. 

Was ich hier gerade erlebe, nennt sich Piskun und bezeichnet die Nachstellung der traditionellen Bison- bzw. Büffeljagd (oft werden beide Begriffe verwendet) in diesem einzigartigen Informationszentrum in Alberta. Während die Hauptrollen an die kleinsten Büffeljäger in unserer Runde gehen, darf der Rest von uns seine Komparsenrolle als Bison einnehmen, das gleich ein unglückseliges Ende erwartet – so wie knapp 100.000 Artgenossen, die hier über 6.000 Jahre hinweg die Klippe hinabstürzten. Falls Sie jetzt ein leicht mulmiges Gefühl in der Bauchgegend verspüren, keine Angst: Der Sprung in den Abgrund wird Ihnen erspart.

Unsere Bisontätigkeiten finden auf dem sicheren (und heiligen) Boden unterhalb der Klippe statt, wo sich in den Tagen der Jagd einst um die 500 Blackfoot-Indianer von verschiedenen Stämmen versammelten, ihr Lager errichteten und auf den Beginn der Jagd warteten. Nachdem sie die Bisons in den Abgrund getrieben hatten, wurde das Fleisch zu einer haltbaren Eiweißnahrung namens Pemmikan weiterverarbeitet. „Der Großvater meines Urgroßvaters gehörte zu den Ureinwohnern, die an dieser Klippe Bisons jagten“, erklärt uns unser Guide Marcus Healy. „Es liegt mir sozusagen im Blut.“

Die letzte Bisonjagd fand hier im Jahr 1840 statt, bevor das Gebiet 1981 schließlich zur UNESCO-Welterbestätte ernannt wurde. All die wissenswerten Fakten über den Head-Smashed-in Buffalo Jump erfahren Besucher auf dem Weg durch das Informationszentrum, der sie stetig nach oben und an den Rand der Klippe führt. Unterwegs wird anhand von kleinen Zeichnungen auf Bisonhäuten ein Blick zurück in die Geschichte geworfen, zum Beispiel dass man 1771 nicht nur mit den Beutetieren, sondern auch mit Bären im Lager zu kämpfen hatte, während die Bisons 1879 nahezu ausgestorben waren.

Der Ablauf der Jagd sah in etwa so aus: Sobald der Wind günstig war und die Herde seelenruhig im Sammelbecken graste, legten die Jäger sogenannte Treibwege aus Pflanzen und Steinen an. Um die Bisons in Aufruhr zu versetzen, näherten sich einige Ureinwohner anschließend unter Wolfsfellen versteckt der Gruppe, um sie langsam auf die Treibwege zu lotsen. Jetzt hatte der „Büffelläufer“ seinen großen Auftritt: Eingehüllt in ein Kalbsfell setzte er zu einem Sprint an, als ob er vor einer Gefahr fliehen würde. Von ihrem Schutzinstinkt geleitet bewegte sich die ganze Herde auf ihn zu. Kurz vor dem Abgrund duckte er sich zur Seite und verschwand zwischen anderen Jägern, die Bisonfelle schwenkten und so die Sicht auf ihn versperrten. Die geköderte Herde rannte indessen weiter und stürzte die Klippe hinunter.

Unterhalb des Sprungplatzes fanden Archäologen 9.000 Jahre alte Pfeilspitzen und entdeckten 2016 eine Röstgrube, die sich bereits seit 1.600 Jahren an dieser Stelle befand. Die Ausgrabungen am Head-Smashed-In Buffalo Jump begannen in den 1930er Jahren. „Die Archäologen hatten es nicht leicht mit meinem Urgroßvater“, berichtet uns Healy mit seinem Baseball-Cap und dem langen schwarzen Zopf grinsend. „Die ganze Zeit fragten sie ihn ,Was ist das?‘ und ,Was ist dies hier?‘, aber er antwortete stur: ,Sie können erst dann mit Ihrer Arbeit beginnen, wenn Sie an den Ritualen teilgenommen haben, die dieser heilige Ort verlangt.‘“

Genau mit einem solchen spirituellen Ritual, dem sogenannten „Smudging“ (einer traditionellen Rauchzeremonie), beginnen wir unser Abenteuer in einem Tipi, das Healy übrigens als „das erste mobile Zuhause“ beschreibt. Anschließend gibt man uns kleine Pfeilspitzen in die Hand und wir lernen von unserem Guide, wie man einen Speer am treffsichersten in ein riesiges, bisonförmiges Zielobjekt befördert. Lassen Sie mich so viel sagen: Es erfordert jede Menge Übung.

Dann wird es Zeit für das große Spektakel. Die Kleinen bekommen ihre Tierfelle und posieren erst einmal breit grinsend für Erinnerungsfotos – und auch ich fühle mich ein bisschen wie ein Kind, als ich unter dem weiten, blauen Himmel meinem Bisonschicksal entgegenrenne.

Beliebte Aktivitäten
Anbieter