Wie mich ein Tag in den Bergen zu einem Wintermenschen machte

Zoey Duncan

Travel Alberta

Jul 14, 2019 - 3 Minuten

Das Selbstvertrauen, das ich 20 Minuten zuvor in der Lodge bei einer Portion Pommes aufgebaut hatte, schien verflogen zu sein. Dort war es angenehm warm und nach dem Blick auf die Karte des Skigebiets war ich praktisch zu meinen Freunden herüberstolziert – na ja, so gut man mit Skischuhen stolzieren kann. „Ich werde den Huckleberry Chair nach dem Mittagessen ausprobieren“, sagte ich zu ihnen. Meine Freunde, die auch in den Anfängen ihrer Ski- und Snowboardkarrieren steckten, waren Feuer und Flamme.

Aber jetzt, als der Sessellift mich einen Berg hinaufbrachte, wurde ich mir der Realität bewusst. Ich fahre buchstäblich einen Berg hinauf. Und dann muss ich wieder runter. Dieser Sessellift ist höher, schneller und näher an den Wolken, als ich es mir vorgestellt hatte. Es ist nicht nur eine längere Version der morgendlichen Fahrt auf den Anfängerhügel. Jetzt ist richtiges Skifahren angesagt. 

Und richtiges Skifahren hatte ich mir für diesen Winter vorgenommen. Als jemand, der sein ganzes Leben in Alberta verbracht hatte, empfand ich es als meine Pflicht, den Winter nicht nur zu genießen, sondern zu lernen, mich auf die Jahreszeit zu freuen. Außerdem hatte ich schöne Skiunterwäsche aus Wolle gesehen und brauchte eine Ausrede, um sie zu kaufen. Abfahrtski schien für den Anfang die richtige Kombination aus ehrgeizig und machbar zu sein. Ich lieh mir bei einer Freundin eine Schneehose aus und belegte bei WinSport in Calgary einen bemerkenswert günstigen 90-minütigen Skikurs.

Gelungene Ankunft mit dem Huckleberry Chair

Sechs Wochen nach diesem ersten Kurs saß ich auf dem Sessellift im Castle Mountain Resort und ließ mich von Schneeflocken taufen. Ich war dankbar für meine neuen Fäustlinge. Niemand konnte sehen, wie weiß meine Knöchel waren, als ich mich am Sicherheitsbügel des Sessels festklammerte, als ob eine steife Brise mich auf den Puderschnee unter mir wehen könnte. Ich sah eine Gletscherspalte vor mir und stellte fest, dass ich vielleicht Höhenangst hatte. Ich schloss die Augen hinter meiner orange getönten Skibrille. Höhenangst ist für einen Menschen ganz normal, sagte ich mir.

Endlich, nach 12 oder vielleicht auch 1.000 Minuten im Sessellift, war es Zeit zum Aussteigen. Ich hatte 1.000 Minuten lang jeden Muskel in meinem Körper angespannt, und als ich mich aufrichtete, wollten meine Beine nicht so wie ich. Am Boden nahm ich einen Ski ab und gab dem Liftbetreiber mit hochgehaltenem Daumen zu verstehen, dass alles in Ordnung war, nachdem dieser wissen wollte, ob ich tödlich verwundet sei. Nur von innen, Kumpel.

Nun war es Zeit für die Abfahrt. Es war ein sehr langsamer Start. Meine Beine und Hüften brannten, als ich gegen die Schwerkraft ankämpfte und die Kanten meiner Ski in den Pulverschnee schob. Als ich mich den Berg hinunterschlängelte, Vertrauen auf sanften Hängen aufbaute und meine Lebensentscheidungen auf steileren Abschnitten infrage stellte, fiel mir etwas auf – ich hatte trotz meiner Nervosität Spaß. Und mir war nicht im Geringsten kalt.

Als wir es zum Fuß des Hügels schafften, war ich erschöpft und überglücklich zugleich. Und mir tat kaum etwas weh. Ich schaute auf meine Smartwatch, auf der ich mein Training aufgezeichnet hatte. Ich brauchte 28 Minuten für die Abfahrt. Jaaa!

Wenn ihr mit dem roten Sessellift fahrt, gelangt ihr an die Spitze einiger der längsten ununterbrochenen Falllinien des Kontinents. Ihr werdet womöglich das Gefühl haben, in eurer eigenen Schneekugel zu stecken.

Travel Alberta | John Price

Schnee wie Federn

Das Castle Mountain Resort ist für sein Ski- und Snowboard-Angebot bekannt und verzeichnet einen der höchsten Schneefälle in der Provinz – das ist jedoch noch nicht alles. Am Abend nach meinem großen Sesselliftabenteuer war es Zeit für eine Schneeschuhtour bei Sternenlicht den Berg hinunter. Wie sich herausstellte, ging es zurück zum Huckleberry Chair. Dieses Mal war ich zuversichtlich, dass ich die Fahrt hinauf meistern würde. Ich würde meine Augen auf jeden Fall ein bisschen weiter öffnen.

Nachdem wir oben angekommen waren, ging gerade die Sonne hinter einem Berg unter, und wir machten uns auf den Weg nach unten. Als wir in den tiefen Pulverschnee traten und uns zwischen den Bäumen hindurchschlängelten, forderte uns unser Guide auf, mit Fersenschritten hinunterzugehen, um die Krallen unserer Schneeschuhe in den Schnee zu graben. Ich tat dies und mein Schneeschuh fiel ab. Hoppla. Es dauerte einen Moment und ich musste auch meine geliebten Fäustlinge ausziehen, aber dann war der Schuh richtig angeschnallt und ich machte mich wieder auf den Weg.

Wir wanderten quasi in Schlagsahne. Nach einiger Zeit erreichte unsere Gruppe eine Lichtung. Es war ein etwa 15 Meter breiter Hang, der von Bäumen gesäumt war. Und dann schlug jemand vor, ihn hinunterzurennen. Jetzt war ich gerade 25 Minuten auf dieser Schneeschuhwanderung, aber ich wusste genug, um zu ahnen, dass ich stürzen würde, wenn wir den Hügel hinunterrennen. Ich entschied, dass ich mit einem Sturz gut leben konnte. Es gab einen Countdown, und dann rannten wir los und lachten etwas verrückt. Ich stolperte sofort, aber der Sturz verlief in Zeitlupe und ich landete wie auf Federn. Nach einer kurzen Seitwärtsrolle war ich wieder auf den Beinen, sprang mit größeren Schritten und kam voller Freude 3 Meter vor einem Baum zum Stehen.

Auch ihr könnt diese Schneeschuhwanderung machen. Ergänzt wird sie durch eine sensationelle Kulisse, einen Zwischenstopp mit Wein und Häppchen und ein 5-Gänge-Menü. Das ist kein Witz.

Travel Alberta | John Price

Auf gehts zur Schneeschuhwanderung

Danach besaß ich die kühnen Beinbewegungen eines jugendlichen Sasquatch.

Ich hatte das Gefühl, mich seit dem Ausstieg aus dem Sessellift vom Anfänger zum Halbprofi gemausert zu haben. Ich hatte nicht erwartet, vom Schneeschuhwandern einen Adrenalinkick zu bekommen. Immerhin ist es der Wintersport, der angeblich so leicht zu erlernen sein soll, weil er dem Gehen so ähnlich ist. Aber dieses Schneeschuhwandern bergab gehört schon zur nächsten Schwierigkeitsstufe.

Ich habe im Winter nur einen einzigen Tag auf einem Berg verbracht, bin aber schon jetzt bereit, mich zum Wintermenschen zu erklären. Die Kälte ist kein Problem, wenn man im Schnee Spaß hat. Mithilfe einer zusätzlichen Wollschicht, dicker Fäustlinge und meiner neuen großen Liebe, der Skibrille, wurde mir klar, dass Spiel und Spaß im Freien nicht nur etwas für andere Leute ist. Sondern auch für mich.

Es gibt wohl kaum eine bessere Möglichkeit, sich an einem Schneeschuh im Mondlicht zu erfreuen, als bei einem gemütlichen Lagerfeuer. Momente wie diese machen das Leben aus.

Travel Alberta | John Price