Mahikan Trails

Die Hüterin des Wissens enthüllt die Geheimnisse des Waldes  

Lisa Monforton

Travel Alberta

Apr 04, 2019 - 4 Minuten

Wenn ihr euch jemals im Wald verirren würdet und etwas zu essen finden, eine Wunde verarzten oder einen wetterfesten Schlafplatz anlegen müsstet, würdet ihr euch wünschen, Brenda Holder bei euch zu haben. Dann könntet ihr von ihrem Wissen über Bäume und Pflanzen profitieren, die seit Jahrtausenden von den Ureinwohnern genutzt werden.  

Brenda, deren Abstammung neben Cree und Irokesen umfasst, ist bei den Ureinwohnern als „Hüterin des Wissens“ bekannt – jemand, der die kulturellen Traditionen der Ureinwohner versteht. In diese Rolle ist sie aufgrund ihrer familiären Herkunft hinein gewachsen.  

Zusammen mit anderen Familienmitgliedern leitet Brenda Mahikan Trails. Das Unternehmen in indigenem Besitz hat seinen Sitz in Canmore und bietet Workshops zu Heilpflanzen an. Sie wuchs in der Gegend von Jasper, Alberta, auf, wo sie von ihrer Großmutter lernte, auf wie vielfältige Weise eine Pflanze oder ein Baum für Dinge des täglichen Bedarfs – oder sogar zum Überleben – genutzt werden kann. Als junges Mädchen ging sie mit ihrer Großmutter durch den Wald und über die Wiesen, hielt Ausschau und eignete sich Wissen an. Brenda Holder sagt, dass sie sich zu Pflanzen hingezogen fühlte und dass deshalb ihre Großmutter „viel Zeit damit verbrachte, mir ihr Wissen zu vermitteln“.

Mahikan Trails

Brenda Holder gibt ihr Wissen über die reiche Landschaft von Alberta weiter.

Travel Alberta | Colin Way

Natur und Kultur lehren

Obwohl sie es damals noch nicht wusste, würden die Lehren der Großmutter sie eines Tages dazu führen, Ureinwohnern und anderen die Geheimnisse der Pflanzenwelt von Alberta beizubringen.   

„Ich habe meiner Großmutter gesagt, ich wolle Ärztin werden. Sie lachte und sagte, ,Das wirst du auch, aber nicht die Art von Ärztin, die du im Sinn hast.‘“ Es dauerte lange, bis Brenda die Worte ihrer Großmutter verstand. Während des Studiums an der Universität ging ihr dann plötzlich ein Licht auf.  

Bei einem Ausflug mit Brenda enthüllt sich ihr Wissensschatz. Sie lehrt, was sie von ihrer Großmutter gelernt hat, und sagt, dass es in Albertas Wäldern alle Zutaten gebe, um alltägliche Dinge herzustellen, die wir als selbstverständlich hinnehmen. Brot? Bier? Schmerzmittel? Ja, sagt Brenda. Aber diese Geheimnisse verrät sie nicht; ihr müsst euch schon in einen ihrer Workshops begeben, um herauszufinden, wie es geht.  

Brendas Heilpflanzen-Workshops begeistern Gäste, weil sie hier mehr über die vielen Wildblumen und Bäume erfahren, die Ureinwohner seit Jahrhunderten nutzen. Es gibt zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten: um eine Erkältung zu kurieren, Schmuck herzustellen oder ein Bett zu zimmern, das Insekten fernhält. (Praktisch, wenn man im Wald zelten geht.) 

Die Idee für die Heilpflanzen-Spaziergänge kam ihr, als sie eine Gruppe Schulkinder zu einem Ausflug in den Wald mitnahm. Zu ihrer Überraschung hatten die Kinder keine Ahnung, wo ihr Essen herkam – für sie kam es eben aus dem Supermarkt. „Für den Menschen gibt es nichts Wichtigeres als die Natur um uns herum, die für so viele Dinge genutzt wird. Und das lehrt Menschen auch viel über unsere Kultur.“ 

Viele junge Menschen interessieren sich jedoch dafür, Dinge selber zu machen. Sie möchten zum Beispiel wissen, wo ihre Kosmetika und Lebensmittel herkommen, weil es für Gesundheit, Umweltschutz und Wirtschaft eine Rolle spielt. Ihre Programme fügen sich gut in diese Denkweise ein. „Was wir tun, ist nachhaltig und zeigt eine Verbindung mit dem Land.“

Albertas Wildrose findet auf hunderte Arten medizinische Anwendung. 

Eine Pflanze, hunderte Anwendungsmöglichkeiten

Vor dem Aufbruch rezitiert Brenda einen Segen, der Respekt für das Land ausdrückt. Sie trägt eine alte Felljacke mit einer rot-grün-gelben Schärpe, die ihre familiären Wurzeln repräsentiert. „(Wir) bitten um Erlaubnis, in den Wald zu gehen, und danken dem Schöpfer, dass er uns dort duldet.“

Alle paar Meter kauert sich Brenda auf dem Pfad nieder, um etwas über eine Blume zu erzählen oder die Aufmerksamkeit auf die Rinde an einem bestimmten Baum zu lenken. Das Salomonssiegel sei eine Pflanze, die gut bei Schmerzen in den Knien und im unteren Rückenbereich wirke, erzählt sie mir. Die Weide sei nicht nur nützlich zum Feuermachen, sondern auch als wichtige Quelle heilkräftiger Steroide. Castilleja enthalte einen intensiv süßen Nektar. Selbst für die offizielle Blume von Alberta, die Wildrose, kennt Brenda Holder zahllose Anwendungen. 

„Es ist eine wundervolle Pflanze“, sagt sie und zählt auf, wofür die verschiedenen Bestandteile verwendet werden können: zur Linderung von Brennesselreizungen, als Arznei für die Augen und das Herz oder als Tee. Außerdem ist sie gut für das Nervensystem. Jede Pflanze habe hunderte und vielleicht tausende von medizinischen Anwendungsmöglichkeiten. 

Herstellung einfacher Arzneien und Tees

Am ersten Tag ihres zweitägigen Grundkurses, der das ganze Jahr über angeboten wird, machen die Teilnehmer einen leichten, ein- oder zweistündigen Spaziergang über eine Wiese oder durch den Wald. Am nächsten Tag wird praktisch gezeigt, wie man Cremes, Salben, Tee oder einen Schmerzwickel herstellt – Rezepte, die vielfach von Brendas Großmutter stammen.   

„Beim Spaziergang weisen die Pflanzen den Weg“, meint Brenda. „Das hat meine Großmutter auch so gemacht. So geben sie ihre Geheimnisse preis.“  

Und wie man mit Zutaten aus dem Wald Brot backt, Bier braut oder Schmerzmittel herstellt? Da hält sie sich bedeckt.  „Ihr müsst euch schon überraschen lassen.“