Alternative Adventures Zipline

Dieser Zipline-Meister hilft Menschen mit Überzeugungskraft und Psychologie, ihre Ängste zu überwinden

Michael Hingston

Travel Alberta

Mar 27, 2019 - 5 Minuten

Ich stehe auf dem Dach eines speziell gebauten Chalets, fast 60 Meter über dem Boden, und Darrel Bossert gibt alles, um mich zum Springen zu bringen. Darrel ist Eigentümer und Betreiber von Alternative Adventures am Rand des Jasper National Park und es ist seine „Superhelden-Zipline“ – die in den letzten zehn Jahren mehr als 18.000 Menschen geholfen hat, durch die Luft zu schnellen und wohlbehalten wieder auf dem Boden zu landen – die meine Beine in Beton verwandelt hat. Ich bin stocksteif vor Angst und habe ihm das auch gesagt. Bei der Einführung hat er unserer Gruppe erzählt, dass gut die Hälfte seiner Kunden irgendwann sagt „Oh Gott, ich glaube nicht, dass ich das kann.“ Aber in diesem Moment tröstet es mich nicht, der Mehrheit anzugehören.

Als derjenige, der Touristen wie mich dazu überreden soll, sich kopfüber von einem Gebäude zu werfen, braucht Darrel bei seinem Job eine subtile Mischung aus Überzeugungskraft und Psychologie. Glücklicherweise ist er ein Redetalent, die Art Mensch, die vor eine Gruppe erst richtig aufblüht und zum Nachdruck in die Hände klatscht, wenn er zum wirklich guten Teil einer Geschichte kommt. Man will einfach alles glauben, was er erzählt. Darrel Bossert ist in Jasper aufgewachsen, und die ersten Pläne für das spätere Alternative Adventures skizzierte er in den 1970ern, als er in der Nähe im Kohlenbergbau arbeitete. Seither hat er es sich zum Ziel gesetzt, anderen das Erlebnis des Fliegens zuteilwerden zu lassen.

Und für Darrel ist das mehr als nur ein Geschäft. Es ist ein persönliches Anliegen. Schon als Kind litt er unter schwerer, lähmender Höhenangst. „Meine drei jüngeren Schwestern haben alle vor mir das Skifahren gelernt, weil ich mich nicht in den Skilift getraut habe“, erzählt er. „Ich war sicher, dass ich der Erste sein würde, der aus dem Lift fällt.“ Allmählich war Darrel mit der Hilfe von Freunden in der Lage, Outdoor-Sportarten auszuprobieren und schließlich sogar Spaß dabei zu haben – besonders beim Drachenfliegen mit seinen Freunden vom nahe gelegenen Athabasca Tower. Als er besser darin wurde, kam bei Darrel der Wunsch auf, auch anderen das packende Gefühl des Fliegens nahe zu bringen. Aber es war zu aufwendig, Menschen einzeln für einen Tandemflug nach oben zu bringen. Das führte zu der Idee der Zipline, die ihm nie wieder aus dem Kopf ging.

Alternative Adventures Zipline

Macht euch bereit für den packenden Zipline-Trip. Und demnächst geht‘s zum Drachenfliegen!

Travel Alberta | Ryan Bray

Angst? Ich?

Am Kiosk von Alternative Adventures meldeten sich meine Nerven, als ich den Haftungsverzicht unterzeichnete. Mir wurde mulmig. Während wir neben seinem alten Lieferwagen auf den Rest der Gruppe warteten (ein Lieferwagen, den Darrel absichtlich mit Schlenkern und Schleudern den Hügel hochfuhr, damit wir uns an das Unbehagen gewöhnen konnten), zeigte er auf die verschiedenen Wolkenarten am Himmel und erklärte, was sie für die Regenvorhersage bedeuteten. Ich nickte brav. Aber ich hörte kein einziges Wort.

An der Hügelkuppe angelangt führte Darrel uns die Treppen hinauf und auf das Dach des Chalets. Ein Kabel über unseren Köpfen führte schräg zum Fuß des Hangs, wo eine riesige karierte Fahne wartete. Direkt vor uns war indessen eine Abwärtsrampe mit zwei weißen Markierungen: an der einen rennt man los und an der zweiten springt man ab. Während sich alle Teilnehmer nacheinander in das System einklinkten, ihr Seil anpassen ließen (je lockerer, desto stärker das Gefühl des Fliegens) und losrannten, ging ich alle möglichen Ausreden durch. „Nicht jeder ist zum Ziplining geschaffen, oder? Ich bin halt einer von diesen Leuten. Niemand muss wissen, dass ich mich nicht getraut habe. Der Rest der Gruppe wird deshalb nicht schlecht von mir denken.“

Alternative Adventures Zipline

Manche Leute brauchen die Bestätigung und ansteckende Begeisterung von Darrel Bossert, um ihre Angst zu überwinden und einfach abzuspringen.

Travel Alberta | Ryan Bray

Aus Flugangst wird Flugspaß

Schließlich gelang es mir, mein Problem auf den Punkt zu bringen: „Im ersten Moment wird es furchterregend sein und ich habe darüber keine Kontrolle.“ Aber ich war überzeugt, dass es nach dem ersten Moment in Ordnung sein und vielleicht sogar Spaß machen würde. War ich wirklich jemand, der nicht zwei Sekunden Angst überwinden kann? Zwei Sekunden? Es war wie die Grippeimpfung für meine Kinder, denen ich immer sagte: Ja, es tut weh, aber dann ist es auch schnell vorbei.

Darrel wusste natürlich von Anfang an, dass ich Angst hatte, und er hat im Laufe der Jahre mit vielen Leuten wie mir zu tun gehabt. Bevor der Park für die Öffentlichkeit geöffnet wurde, war er mit ein paar Freunden an der Zipline, als einen von ihnen in letzter Sekunde plötzlich die Panik packte. „Ich musste sofort etwas sagen, um ihm zu helfen“, hatte Darrel mir vorher erzählt, „und ich hatte nichts parat.“ Er hat Jahre gebraucht, um eine laut eigener Aussage „umfassende“ Erklärung dafür zu finden, wie der menschliche Körper – und Geist – auf die Zipline reagiert und wie er Menschen sanft durch diese Momente der Panik führen kann. „Ich musste mir etwas einfallen lassen, was wirklich stimmt“, erklärt Darrel. „Denn wenn man Leute in dieser Situation anlügt, dann gehen sie einfach nach Hause.“

Als er also auf dem Chalet-Dach zu mir kommt und mir die Hände auf meine stocksteifen Schultern legt, ist er ganz zum Psychologen geworden. Es sind nur wir beide hier oben; der Wind scheint stärker zu werden. „Was Du jetzt durchmachst, ist die Stressreaktion: Flucht, Kampf oder Bewegungslosigkeit“, sagt Darrel, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. „Das ist eine Reaktion deines Verstandes. Aber das bist nicht du selbst.“ Er klickt mich vorsichtig in den Gurt und lässt mich leicht daran ziehen, damit ich Vertrauen in den Gurt bekomme. Dann lässt er mich nacheinander die Beine anheben und wieder absenken. Er sagt mir, dass es in der menschlichen Natur liegt, unabhängig sein zu wollen, aber dass er und ich in Momenten wie diesen ein Team sind: Wir sind aufeinander angewiesen, sonst funktioniert es nicht. Ich atme tief durch und bewege mich irgendwie, wenn auch zögernd, auf die erste weiße Markierung zu. Darrel stellt sich hinter mich. „Konzentriere dich“, sagt er. „Du musst jetzt nur eine Sache tun.“

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Wenn man vom Dach springt und durch die Luft fliegt, fühlt man sich wirklich wie ein Superheld.

Travel Alberta | Ryan Bray

Das Lächeln kommt von selbst

Und damit bleibt einem nichts anderes übrig, als zur zweiten Markierung am Rand des Dachs zu rennen und abzuspringen. Und das tue ich auch.

An den Weg nach unten erinnere ich mich ehrlich gesagt kaum. Aber als ich unten im Gurt baumelnd und mich drehend zum Halt komme und aus dem System ausgeklinkt werde, kann ich spüren, dass ich bis über beide Ohren grinse. Und da höre ich Darrels Stimme aus dem Walkie-Talkie seines Kollegen: „Willkommen in der Liga der Superhelden. Wie fühlt sich das an?“

Einfach nur gut.