Wohlig warm durch Calgarys Winter

Kevin Brooker

Travel Alberta

Sep 10, 2018 - Lesedauer: 4 Minuten

Eine alte kanadische Weisheit besagt, dass Holz gleich dreifach wärmt: einmal beim Fällen des Baums, dann beim Hacken des Feuerholzes und zuletzt beim Verbrennen. Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, sich vor dem Winter zu verstecken. Viel besser ist es, sich voller Begeisterung hineinzustürzen – sei es auf Schlittschuhen, auf Skiern oder einem Rodelschlitten. Durch körperliche Betätigung wird euch warm unter der Jacke und warm ums Herz.

Justin Brown vom Parks Department der Stadt Calgary weiß genau, was zu tun ist, wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen. Er leitet das Team der Parkpfleger im idyllischen Bowness Park im Westen der Stadt. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört es, die acht Feuer auf dem Parkgelände am Lodern zu halten, die jeweils zur Hälfte mit Erdgas und aromatischem Tannenholz aus Alberta befeuert werden. „Wenn das Feuer nicht brennt, sobald die ersten Besucher eintreffen, bekommen wir einiges zu hören“, schmunzelt Justin. „Die Leute lieben es, am Feuer zu sitzen, wenn sie ihre Schlittschuhe schnüren oder die Skier wachsen.“

Die acht Lagerfeuer im Bowness Park sind wie geschaffen dafür, sich die Hände zu wärmen und die Schlittschuhe zu schnüren.

Roth & Ramberg

Das Zwiebelprinzip 

In erster Linie geht es im Bowness Park aber gar nicht ums Sitzen. Selbst eisiges Wetter hält die Besucher nicht davon ab, ihren Puls auf Trab zu bringen, so Justin Brown. „Im Winter ist hier genauso viel los wie im Sommer, weil es im Park einfach unglaublich viele Freizeitangebote gibt. Wir haben präparierte Langlaufloipen, und es gibt Strecken für Schneeschuhwanderungen, Spaziergänge oder Radtouren am Bow River. Dieses Jahr haben wir zwei kleine Curling-Bahnen angelegt und stellen dazu auch die nötigen Steine und Besen zur Verfügung. Und dann ist da natürlich noch der Kanal mit unserer wundervollen riesigen Eislauflagune, die sich bis in den Wald hineinzieht.“ Justin weiß, dass Familienausflüge heutzutage schnell ins Geld gehen. Deshalb schiebt er noch schnell nach: „Das alles kostet nichts.“ 

Na ja, das stimmt nicht ganz. Ihr müsst zwar kein Holz hacken, doch ein kleiner Obolus an Energie ist dennoch zu entrichten. Die Extraportion Pancakes vom Frühstück werdet ihr nur los, indem ihr euch einen Ruck gebt und den Kreislauf in Schwung bringt.

Unverzichtbar: die passende Kleidung. Neuankömmlinge, die noch keine Erfahrung mit dem kanadischen Winter gemacht haben, greifen gern zum dicken Mantel. Falsch! Wer zu dick eingemummelt ist, kann sich nicht ausreichend bewegen, um die Körperheizung anzuwerfen. Stattdessen solltet ihr zu mehreren Schichten Funktionskleidung greifen (ruhig drei oder vier). Daunenfutter ist dazu ebenso gut geeignet wie Merinowolle, Polyester und Nylon. In den letzten Jahrzehnten wurden sensationelle Fortschritte bei der Entwicklung warmer, atmungsaktiver Kleidung erzielt, und zum Glück haben Läden in ganz Alberta diese Artikel im Sortiment.


Warum kaufen, wenn ihr auch alles vom superwarmen Mantel über Schlittschuhe bis hin zur Haltehilfe mieten könnt?

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Winterausrüstung zum Sparpreis

Auch ein schmaler Geldbeutel ist kein Grund dafür, an der Winterausrüstung zu sparen. Die Einheimischen machen euch vor, wie es geht. Nicht weit entfernt vom Bowness Park liegt die University of Calgary mit einem der besten Outdoor-Informationsprogramme der Welt. Zum fairen Preis könnt ihr euch dort alles von Skiern über Fatbikes bis hin zu High-Tech-Jacken und superwarmen Handschuhen ausleihen. Die Universität betreibt auch den Verleihshop im Bowness Park, in dem ihr Schlittschuhe (zum Hockeyspielen oder für Pirouetten), Helme und sogar einen „Eislauftrainer“ bekommt – eine Art mobiler Haltegriff, der dafür sorgt, dass ihr bei euren ersten Gehversuchen auf dem Eis nicht unsanft auf dem Hintern landet.

Sobald ihr die richtige Ausrüstung habt, könnt ihr euch im nächsten Schritt dem proaktiven Management der Körpertemperatur zuwenden. Als Faustregel gilt: Zieht für die ersten Minuten auf Schlittschuhen oder Skiern etwas weniger Kleidung an, als ihr denkt, dass ihr braucht. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im taktischen An- und Ausziehen der einzelnen Schichten und der strategischen Bedienung von Reißverschlüssen. Für alle Fälle solltet ihr auch immer ein oder zwei Extraschichten parat haben.

Mit einem wohlig warmen Körper, roten Wangen und einem breiten Lächeln im Gesicht erlebt ihr den Winter in Alberta nach Art der Einheimischen.

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Eine Frage der Einstellung

Schon nach kürzester Zeit ist jeder Gedanke an die Kälte verschwunden. Unbeschwert gleitet ihr über das Eis oder die Loipe, spürt, wie das Blut durch euren Körper gepumpt wird, und seht zu, wie euer Atem weiße Wölkchen bildet. Ihr fühlt euch wie eine unaufhaltsame menschliche Dampflokomotive. Jetzt könnt ihr eure gesamte Aufmerksamkeit der unberührten, glitzernden Winterlandschaft zuwenden, in der euch weder Pollen oder Staubkörner noch Insekten auf den Leib rücken. Seht euch um und blickt nach oben. Gut möglich, dass ihr einen Weißkopfseeadler erspäht, der Jagd auf einen der schneeweißen Hasen im Park macht.

Wenn euch dann irgendwann – viel später, als ihr vermutet hättet – doch die Luft ausgeht, kommen die Lagerfeuer ins Spiel. Hoffentlich habt ihr daran gedacht, etwas Essbares mitzubringen, das ihr hier rösten könnt. Zieht euch eine zusätzliche Kleidungsschicht über und macht es euch gemütlich. Diese Belohnung habt ihr euch redlich verdient.

Und so sitzt ihr also quietschvergnügt am wärmenden Feuer, röstet Wiener Würstchen und schließt neue Freundschaften – all das bei Temperaturen, bei denen in eurem Heimatland schon längst der Notstand ausgerufen worden wäre. Eure Wangen glühen, ihr fühlt euch lebendig wie selten zuvor und habt gelernt, dem Winter in Alberta wie die hartgesottenen Einheimischen furchtlos ins Gesicht zu lachen.