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Dinosaurierjagd am Ort mit den meisten Fossilien der Welt

Lynn Martel

Travel Alberta

- Lesedauer: 6 Minuten

Es war Nacht. Ich befand mich in den Kanadischen Badlands. Das nächste menschliche Lebewesen war 20 Meter von mir entfernt. Da wurde ich aus dem Schlaf gerissen, als irgendetwas Großes vor der wohlgemerkt sehr dünnen Nylonwand meines Zeltes schnaubend herumstampfte. Ihr wisst schon, dieses Gefühl, wenn mitten in der Nacht ein Monster vor einem steht, diese Sekunden, bis das Gehirn nachgekommen ist, um Traum von Wirklichkeit zu unterscheiden. Nur, was ist jetzt Traum und was nicht? Bin ich in der Hölle auf Erden gelandet? Eindeutig – vor meinem Zelt war ein Dinosaurier.

Ich hielt den Atem an, als sich das Geräusch entfernte. Weil ich nun aber doch neugierig war, nahm ich all meinen Mut zusammen und spähte nach draußen. Was ich zu sehen bekam, war kein Tyrannosaurus Rex, sondern eine Elchkuh, die mit ihrem Kalb im Dickicht verschwand. Aufregend, keine Frage. Nur eben kein Dinosaurier.

Sorry, dass ich nur Saurier im Kopf habe. Aber die Elchdame tauchte immerhin mitten in einer 18 Leute starken Expedition auf, die sich auf die Suche nach Überresten dieser Riesenechsen gemacht hatte. Und zwar dort, wo es die allermeisten Dinosaurierfossilien der Welt gibt, bloß, dass ich nach wie vor immer noch leer ausgegangen war. Im Vergleich zu all diesen altgedienten Fossilienjägern und in Begleitung eines der erfahrensten Paläontologen war ich völlig grün hinter den Ohren und suchte die Nadel im Heuhaufen. Wie soll man in diesem Geröll Knochen von stinknormalen Steinen unterscheiden können? Während die anderen im Laufe der Expedition mit immer neuen tollen Fossilienfunden auftauchten, begann ich zu zweifeln: Werde ich denn jemals meinen Dinosaurier finden?

 

Die Kanadischen Badlands haben nicht nur eine große Vielfalt an Wildtieren, sondern sind auch ein sagenhafter Fundort für Dinosaurierknochen.

Mike Morrison

Der Fossilienfluss

Der Red Deer River in Alberta entspringt in den Rocky Mountains und schlängelt sich durch die Kanadischen Badlands, wo sich eine der weltweit reichhaltigsten Fundstätten von Dinosaurierfossilien befindet. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier mehr als 1000 vollständige Skelette dieser ausgestorbenen Kolosse gefunden. Diese von fruchtbarem Ackerland umgebenen, ausgedörrten Lehmhügel wurden „schlechtes Land“ getauft, weil sie schlichtweg weder kultivierbar noch bebauungsfähig sind.

Doch die Badlands stellen anderweitig einen gewaltigen Schatz dar, indem hier immer wieder Dinosaurierknochen hervorquellen. Jahr für Jahr tragen Wind und Regen weitere Zentimeter Erde ab und bringen neue Fossilien zum Vorschein. 

Unsere Expedition begann beim McKenzie Crossing Campground, 69 Kilometer östlich von Innisfail im Herzen Albertas. Zwei Wochen lang glitten wir in unseren Paddelbooten ganze 225 Kilometer den sanften Fluss entlang und campten an 10 verschiedenen Plätzen. Gespannt lauschten wir den Erzählungen des Starpaläontologen Dr. Phil Currie, der übrigens eine der Inspirationsquellen für Jurassic Park gewesen sein soll. Außerdem war er an der Gründung des Royal Tyrrell Museum im nahe gelegenen Drumheller beteiligt. Mit seinen 130.000 Exemplaren und einer halben Million Besucher pro Jahr gilt es als eines der besten Dinosauriermuseen der Welt. Und als wäre das nicht genug, gibt es noch ein weiteres Museum, das sogar nach Currie benannt ist, das Philip J. Currie Dinosaur Museum. Es liegt in der Nähe von Grande Prairie im Norden Albertas, neben dem weltweit größten Knochenbett von gehörnten Dinosauriern. Den großen Currie mit meiner bescheidenen Fossilienjagd zu beeindrucken, sollte alles andere als leicht werden.

Die Tour begann schon vielversprechend. Wir hatten noch nicht einmal unsere Kanus fertig beladen, als ein paar meiner Kollegen den großen Oberschenkelknochen eines Hadrosaurus und den Zahn und die Knochenfragmente eines Entenschnabeldinosauriers gefunden hatten. Die bedeutenden Funde sammelte Currie in Plastiktüten und beschriftete sie sorgfältig mit Fundort, Datum und Entdecker. „So wird es die ganze Tour über laufen“, versprach mir einer der alten Hasen, und „es wird sogar mit jedem Tag besser.

 

Mit den entsprechenden Werkzeugen kann man bei der Fossiliensuche manchmal mitten in der Landschaft Dinosaurierknochen finden. Royal Tyrrel Museum of Palaeontology.

Riesige Bruchstücke

Die meisten in der Gruppe waren routinierte Paddler, die sich mit der Dinosaurierjagd schon auskannten. Ich als Kletterer und Skifahrer aus den Kanadischen Rocky Mountains war in jeder Hinsicht ein Neuling.

Ausgehend vom Dry Island Buffalo Jump Provincial Park wanderten wir auf einem holprigen Weg bis zur ersten größeren Dino-Ausgrabungsstätte von ganz Nordamerika. Der berühmte US-Paläontologe Barnum Brown entdeckte hier im Jahr 1910 unzählige Knochen einer großen Gruppe von Albertosauriern. Dieser Spitzenprädator seiner Zeit war eng mit dem Tyrannosaurus Rex verwandt (der ein paar Millionen Jahre später lebte) und wurde bis zu 11 Meter lang.

1998 öffnete Currie die Stätte von Brown für eine erneute Freilegung. Er fand über dieses Durcheinander von Albertosaurus-Knochen aller Altersklassen heraus, dass die Dino-Gruppe durch eine plötzlich eintretende Katastrophe begraben worden war. Seit der Arbeit von Currie weiß man viel besser über das Sozialverhalten dieser Fleischfresser Bescheid. 

Wir strömten also aus und begannen wie üblich, die bröckelnd lehmige Oberfläche aufs Genaueste abzusuchen. Die Landschaft besteht mehr oder weniger aus Kieselsteinen, Steinen und erzdurchsetztem Gestein auf ausgetrockneten sowie verkrusteten Hängen mit graugrünen Büschen, die waagrecht aus kleinen Felsspalten hervorwachsen. Huch! War das gerade ein Knochenfragment? Oder doch nicht? Wie soll ich bloß jemals den Unterschied erkennen?

 

Handelt es sich um einen Zahn oder um ein uraltes Stückchen Kot? Experten wie der Paläontologe Dr. Phil Currie können das in Sekundenschnelle feststellen.

Fossiliertes Haihäufchen

Nachdem wir an Biberbehausungen, quakenden Fröschen und schwimmenden Bisamratten vorbeigepaddelt waren und dabei auch die über uns segelnden Weißkopfseeadler und Rotschwanzbussarde bewundern konnten, kamen wir am Bleriot Ferry Campground an. Am nächsten Morgen streiften wir über ein ausgetrocknetes Gelände, das zum Teil mit Lehmstreifen durchsetzt war – das sah aus wie Caffè mocha. Beinahe stolperte ich über etwas und hielt mitten im Schritt inne. War das gar ein Knochen? Nein. Nur ein Stück Holz.

Ich sah Currie beim Freilegen eines großen Zahns zu und zeigte ihm danach meine Funde. 

„Das ist ein Stein“, sagte er und tastete meine weiteren Objekte ab. „Das ist ein Stück Holz, aber 70 Millionen Jahre altes Holz. Das hier ist ein Koprolith, also das fossilierte Häufchen eines Hais.“ Okay, es war schon cool, 1000 Kilometer vom Ozean entfernt fossilierte Exkremente von Meerestieren zu finden, aber dennoch, wann würde ich es in eine von Curries Plastiktüten schaffen? 

Dann kam einer der Expeditionskollegen mit einem Zahn daher, der größer war als sein Daumen. Ein anderer hatte den Schädel eines Ceratopsiers gefunden, eines gepanzerten, gehörnten Dinosauriers. Das Abendessen an diesem Abend wurde zu einer echten Siegesfeier. 


 

Wenn man von dieser außerirdischen Landschaft umgeben ist, wird das Campen in den Badlands fast genauso spannend wie die Dinosaurierjagd selbst.

Begegnungen mit Wildtieren

Als wir flussabwärts dahinpaddelten, kamen wir an riesigen Pappeln vorbei, aus denen unzählige Vögel sangen. Drei Pelikane auf dem Himmel vermittelten ein nahezu prähistorisches Gefühl, stammen sie ja auch von Dinosauriern ab, was eine Theorie besagt, die Currie entscheidend mitentwickelte. Im Flusstal des Red Deer River wimmelt es nur so von Wildtieren und Vögeln. Am Ende unserer Tour stellte unser erfahrener Ornithologe Rob fest, dass er insgesamt 102 Vogelarten erkennen konnte. 

Bei Steveville erreichten wir die nördliche Grenze des Dinosaur Provincial Park. Wir hatten die Erlaubnis, ein privates Gebiet zu betreten, das den Augen ein Meer an braunen Hügeln bietet und mit faszinierenden Gesteinssäulen („Hoodoos“) übersät ist, die aussehen, als wären sie nicht von dieser Welt. Hier wurde ein toller Fund gemacht: der Schädel eines Nodosauriers, der unvergraben mitten im paläontologischen Schlaraffenland der Kanadischen Badlands lag.  


 

Es fühlt sich beinahe unwirklich an, den sich schlängelnden Red Deer River in den Kanadischen Badlands entlang zu paddeln, wenn man sich vorstellt, dass hier früher einmal Dinosaurier umherstreiften.

Jackpot

Unser letztes Lager schlugen wir im Dinosaur Provincial Park auf, wo wir die spannenden Lehrpfade entlangspazierten und echte Dinosaurierskelette in den Schaukästen bewunderten. Außerdem kamen wir in Gebiete, die nur im Rahmen einer geführten Tour betreten werden dürfen.

In diesen zwei Wochen fand ich also mehrere Knochen, die einfach als Oberschenkel, Rippen und Rückenwirbel identifiziert werden konnten. Es waren auch ein paar Fragmente eines Schildkrötenpanzers dabei und viele andere Bruchstücke, bei denen man aber kaum etwas feststellen konnte. 

Unser Team machte sich aber gut, in der Ausbeute gab es Schädelteile eines Ankylosauriers, Krokodilpanzerfragmente, Zehenstückchen eines Entenschnabelsauriers und mindestens 100 Zähne. Jeden Tag verpackte Currie die Fundstücke in diese Plastiktüten und beschriftete sie. Meine waren allerdings keine seiner Plastiktüten wert. 

„Manchmal hat man Glück und manchmal eben nicht“, meinte Eva Koppelhus. Sie ist mit Currie verheiratet und arbeitet als Paläontologin an der University of Alberta in Edmonton. Ich nahm es gelassen hin und wanderte über das ausgetrocknete Gelände, das sich unter den Füßen wie Popcorn anfühlt. So ist das ganz einfach: An manchen Tagen findet man nichts, an anderen knackt man den Jackpot.

Ich sah mich am Boden um, kniete mich nieder und durchsiebte mit meinen Fingern die Erde. Als ich etwas Hartes spürte, hob ich es auf und sah es mir genauer an. Es war sichelförmig und braun und gelb gefleckt. Ein Zahn! Zweifellos, es war ein Zahn! Im Camp öffnete ich vor Currie meine Hand. Er betrachtete mein Objekt mit lässiger Miene und sagte schließlich: „Das ist der Zahn eines Tyrannosaurus.“ Dann holte er – endlich – eine seiner Plastiktüten hervor und legte meinen Zahn hinein. Geschafft! Ich hatte meinen Dinosaurier gefunden. 

 

Man weiß nie, auf was man in diesem Knochenbett von Dinosauriern in den Kanadischen Badlands stößt.

Wollt ihr selbst Fossilien finden?

Bei einer geführten Tour durch den Dinosaur Provincial Park oder das Knochenbett von Pipestone Creek ist die Chance am größten, Fossilien zu finden. 

Weitere Informationen über Dinosaurier findet ihr im Royal Tyrrell Museum und im Philip J. Currie Dinosaur Museum. 

Nicht vergessen: Es ist verboten, Fossilien aus einem Park mitzunehmen, und nicht gestattet, privates Gebiet ohne Genehmigung zu betreten.