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Albertas „Keller der Hölle“ – ein echter Hotspot

Julie Van Rosendaal

Travel Alberta

Jan 05, 2018 - Lesedauer: 4 Minuten

In den Straßen im Zentrum von Medicine Hat tönt mir an jeder Ecke Musik entgegen. Doch ich habe leider keine Zeit, mich lange aufzuhalten, denn im Madhatter, einer der ältesten Kaffeeröstereien der Stadt, wartet schon Tourguide Jace Anderson darauf, mir und einer Gruppe von Reisenden aus aller Welt die Highlights seiner Stadt zu zeigen. Das Café ist gut besucht. Im hinteren Teil demonstrieren die neuen jungen Inhaber ihr Fach. Der verführerische Duft frisch gerösteter Bohnen zieht bis hinaus auf die Straße. 

Diese Szene ist typisch für das moderne Medicine Hat. Die lange Jahre als Landwirtschafts- und Industriestandort abgetane Stadt präsentiert sich heute ein bisschen so wie Anderson selbst: jung, tatkräftig und schräg. Er ist ein geborener Geschichtenerzähler, der Informationen scheinbar ebenso gern sammelt wie weitergibt. Er grüßt fast jeden, der vorbeikommt, und während wir auf die letzten Teilnehmer unserer Gruppe warten, erzählt er uns von seinem letzten Familienurlaub – auf einem Campingplatz gleich vor den Toren von Medicine Hat. 

Der Name der örtlichen Brauerei „Hell's Basement“ ist eine Anspielung auf den Ausspruch eines berühmten Autors, der Medicine Hat einst als „Keller der Hölle“ bezeichnet hat.

Travel Alberta / Chris Amat

Der heutige pulsierende Vibe der Präriestadt geht in erster Linie von der lebendigen Cafészene und der wachsenden Anzahl an Brauereien aus. Hinzu kommen Besuchermagneten wie das Jazz Fest. Unser Rundgang führt uns zum Monarch, dem ältesten Kino Kanadas, zu öffentlichen Kunstwerken und den farbenfrohen Wandmalereien der Stadt. Eines davon befasst sich mit der Herkunft des Spitznamens „Hell’s Basement“, der auf den berühmten britischen Autor Rudyard Kipling zurückgeht. Er hat die Stadt 1907 besucht und als „Keller der Hölle“ bezeichnet – eine Anspielung auf die riesigen unterirdischen Gasvorkommen in der Region. „Dieser Teil des Landes scheint die Hölle als Keller zu haben“, schrieb er, „und die einzige Klappe befindet sich, wie es aussieht, in Medicine Hat.“ 

Heute ist die Stadt stolz auf ihren ungewöhnlichen Namen (und den noch ungewöhnlicheren Spitznamen, der sogar als Inspiration für einen berühmten kanadischen Rocksong diente). Anderson erklärt uns, dass die ansässigen Ureinwohner den Ort Saamis nannten. In der Sprache der Blackfoot bezeichnet dieser Begriff die Kopfbedeckung eines Medizinmannes. Ein Kartenmacher in Toronto hat die Übersetzung dann vereinfacht und abgekürzt – und der Name hat sich durchgesetzt. 

Medicine Hat hat sich zu einem kreativen Zentrum für alternative Geschäftsmodelle entwickelt. Station Coffee Co. ist beispielsweise einer der angesagtesten Hotspots der Stadt, um einen guten Kaffee zu trinken oder großartige Livemusik zu genießen. 

Travel Alberta / Chris Amat

Wir folgen Anderson zu Station Coffee Co. Drinnen singt die einheimische Künstlerin Christie Kurpjuweit und begleitet sich dazu selbst auf der Gitarre. Inhaber Jeremy Knodel serviert Americanos aus selbst gerösteten Bohnen auf zerstoßenem Eis. Seine glutenfreien Brownies gehören zum Besten, was ich je gegessen habe (glutenfrei oder nicht). Und dazu gibt es für jeden Gast ein paar nette Worte. „Wir möchten, dass sich die Leute hier wohl fühlen, so als würden sie zur Familie gehören“, sagt er. Stammgäste werden natürlich mit Namen begrüßt und die Baristas hinter der Theke wissen meistens schon im Voraus, wie die Bestellung lauten wird.  

Für eine Stadt mit nicht einmal 70.000 Einwohnern sind die sechs unabhängigen Cafés und drei Röstereien ziemlich beachtlich. Um sie herum ist eine ganze Community aus Künstlern und Sammlern, Unternehmern und kreativen Köpfen entstanden, die Medicine Hat das Feeling einer verschworenen Gemeinschaft verleiht.

Wir passieren Künstlerateliers und familiengeführte Lokale. Ein junger Mann erkundigt sich, wie er zu dem unter freiem Himmel aufgestellten Klavier kommt, auf dem jeder spielen darf, der sich dazu berufen fühlt. Einen Straßenblock vom Fluss entfernt befindet sich das Esplanade Arts & Heritage Centre mit einer Kunstgalerie, einem Museum, einem Informationszentrum für Musikfreunde und Entdecker, öffentlichen Archiven und einem Theater mit 700 Sitzplätzen und einer landesweit gelobten Akustik. 

Sein heutiges hippes Ambiente verdankt Medicine Hat auch seiner ereignisreichen Geschichte. Die quirligen Cafés, kreativen Brauereien und ganzjährigen Festivals sind nur einige der Gründe, aus denen „The Hat“ inzwischen immer mehr Besucher anlockt. 

Travel Alberta / Hubert Kang

Wir schlendern gemütlich weiter zur Finlay Bridge am South Saskatchewan River. Die älteste Fachwerkbrücke Kanadas verbindet den Nordteil von Medicine Hat (Riverside) mit dem südlichen Teil und der Innenstadt. Auch dem Fluss – oder genauer gesagt dem lehmreichen Boden an seinem Ufer – hat die Stadt viel zu verdanken. Anderson erzählt uns, dass die Einheimischen hier früher Sprengungen durchführten, um an den qualitativ hochwertigen Rohstoff zu kommen, der ideal zur Herstellung von Ziegeln und Keramik geeignet ist. In Kombination mit dem reichlich vorhandenen Erdgas, das zur Befeuerung der Brennöfen genutzt werden konnte, war Medicine Hat praktisch prädestiniert dafür, zu einem der größten Produzenten von Lehmprodukten aufzusteigen. Die Branche half der Stadt auch, die unsicheren Jahre des Ersten Weltkriegs zu überstehen.  

Das ehemalige Werksgelände von Medalta im Historic Clay District beherbergt heute ein Museum mit einem international renommierten Künstlerprogramm, wechselnden Ausstellungen, Workshops, einer Galerie und einem Atelier für zeitgenössische Keramik. Im Sommer findet hier ein bunter Abendmarkt statt, im Dezember ein Weihnachtsmarkt. Das ganze Jahr über stehen zudem verschiedene Musikfestivals und Aufführungen auf dem Veranstaltungskalender.

Die Vergangenheit ist in Medicine Hat allgegenwärtig. Das zeigt sich zum Beispiel auch an den einheimischen Biersorten, die nach herausragenden Persönlichkeiten und berüchtigten Saloons benannt sind.

Travel Alberta / Chris Amat