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Legendärer Trip durch das Hinterland Albertas – auch für Einsteiger geeignet.

Jane Marshall

Travel Alberta

Oct 15, 2017 - Lesedauer: 8 Minuten

Ich ziehe meine Skistiefel an und steige in den Klettergurt. Jim Gudjonson, unser Berg-Guide, reicht mir ein Seil. Die Bindung meiner Ski rastet ein. Jetzt gibt es kein Zurück mehr: Ich erklimme den Gipfel des Mount Olive. 

Hinter mir ist jetzt auch mein Mann Mike startklar. Los geht's. Der Schnee auf dem Bergkamm ist vom Wind verkrustet und hart. Auf einer Seite fällt der Hang ab und gibt den Blick auf den weit unten gelegenen Gletscher frei. Der Ausblick auf der anderen Seite ist nicht weniger schwindelerregend. Nur gut, dass ich mit einem Seil gesichert bin, dass Gudjonson bei uns ist ... und dass es mir gelingt, mein letztes bisschen Mut zusammenzukratzen. 

Albertas legendäres Bergerlebnis

Fotograf Ryan Bray fängt die Wildnis des Wapta Icefield mit der Kamera ein. Daneben hält dieser Trip auch Kameradschaftsgeist, Freundschaft und Schönheit bereit.

Im Sommer bin ich schon immer gern in den Bergen unterwegs gewesen. Dann schenkte mir Mike eines Tages Tourenski. „Das ist wie Wandern im Winter“, sagte er. Wir haben gemeinsam einen Kameradenrettungskurs absolviert und mit dem Skiwandern begonnen. Dabei hat sich mir eine völlig neue, strahlend weiße Welt erschlossen.

Dieses Jahr wollten wir uns ein Beispiel an den frühen Abenteurern nehmen, die schon von jeher magisch von Albertas Bergen angezogen wurden. Der Winter steckt jedoch voller Gefahren – von verborgenen Gletscherspalten bis hin zu Schneestürmen, die einem die Orientierung unmöglich machen. Wir brauchten also fachkräftige Unterstützung. Zum Glück gibt es in der Provinz unzählige Experten, die nur darauf warten, Besucher in die Wildnis zu begleiten. Und das seit über 100 Jahren. 

Wir entschieden uns für die Wapta Traverse, ein mehrtägiges Tourenskiabenteuer, das zu den legendärsten Bergerlebnissen im Hinterland Albertas zählt. Unterwegs würden wir über Gletscher gleiten und Gipfel besteigen – lauter Dinge, die wir noch nie zuvor versucht haben. Ob ich aufgeregt war? Was denkt ihr denn? Aber ich wusste auch, dass ich in besten Händen sein würde. Der Alpine Club of Canada (ACC) ist Besuchern seit 1906 dabei behilflich, die Wildnis hautnah zu erleben, und hat dazu an einigen der höchsten, abgelegensten und atemberaubendsten Orte in der Provinz Hütten errichtet. 

Wir vertrauen uns und unser Schicksal Alison Cardinal an, die nicht nur als Berg-Guide arbeitet, sondern auch ein angehender Ski-Guide ist. Begleitet werden wir außerdem von Lawrence White, dem Executive Director des ACC.

Bevor wir vor unserem eigenen Mut Angst bekommen, holen Mike und ich noch einmal tief Luft und machen den ersten Schritt.

Die geführte Backcountry-Tour entlang der Wapta Traverse bietet Skiwanderern Gelegenheit, ausgiebig die erhabene Bergwelt zu bewundern. Und bis an die eigenen körperlichen Grenzen zu gehen. Ryan Bray.

Travel Alberta | Ryan Bray

Tag 1: Der Anfang. Vom Bow Lake zur Bow Hut

Ich ziehe mir meinen Rucksack über und folge Gudjonson über den gefrorenen Bow Lake. Unsere Route führt uns zwischen den Steinwänden des Bow Canyon geradewegs in eine neue, fremde Welt. Wir verlieren keine Zeit, denn es besteht immer die Gefahr, dass Steine und Geröll herabfallen. Ich bin noch nie weiter vorgedrungen als bis in die vorderen Ausläufer dieser Berge, und mein Puls beschleunigt sich. Wir passieren die Bow Falls und lassen die letzten widerstandsfähigen Tannen hinter uns. Jetzt befinden wir uns oberhalb der Baumgrenze in der alpinen Zone. Cardinal deutet auf eine hoch über uns gelegene Hütte – unser erstes Etappenziel für die Nacht. Schwitzend und keuchend erreichen Mike und ich die Bow Hut und belegen sofort die oberen Betten. 

Das Hüttenleben folgt einer bestimmten, festen Routine: Man nimmt ein paar Eimer und füllt sie mit Schnee, den man dann auf dem Propangasofen zum Schmelzen bringt, um für die dringend nötige Rehydrierung zu sorgen. Netterweise denkt man dabei auch an seine Hüttenkameraden und teilt das Wasser. Die feuchten Kleider werden an den Stangen über dem Holzofen aufgehängt. Und dann ist es an der Zeit, auszuruhen, sich gegenseitig besser kennenzulernen und Freundschaft zu schließen. 

Gudjonson streift seit über 20 Jahren als Guide durch die Berge. Er ist ein Paradebeispiel für den starken, stillen Typ und vielleicht der einzige Mensch, der ein gehäkeltes Stirnband tragen kann, ohne dabei an Männlichkeit oder Würde einzubüßen. Er ist schon in der ganzen Welt als Guide unterwegs gewesen. Das absolute Highlight ist für ihn das jährliche General Mountaineering Camp des ACC. „Mich zieht es an Orte, an denen noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist“, verrät er mir. Ich frage ihn, ob es in Alberta noch solche wilden, einsamen Gipfel gibt. 

„Die Menschen glauben gar nicht, dass hier oben noch eine ganz andere Welt existiert“, erwidert er. „Es gibt noch jede Menge Gipfel, die entdeckt werden wollen.“


Im Prinzip ist Skiwandern nichts anderes als Langlaufen, nur dass ihr euch dabei auch abseits der präparierten Loipen und bergauf bewegen könnt. Eurer Erkundungslust sind keine Grenzen gesetzt und ihr könnt spektakuläre Naturlandschaften entdecken. Ryan Bray.

Travel Alberta | Ryan Bray

Tag 2: Skitag. Von der Bow Hut zur Peyto Hut

Wir arbeiten uns unter dem Mount Thompson die Steilwand am Bow Glacier hoch (schwitz, keuch, durchhalten) und bewegen uns dann in Achterfiguren auf die Peyto Hut zu. Der Schnee sieht aus wie Zuckerguss. 

Die Peyto Hut liegt inmitten einer märchenhaften Bergkulisse und ist Cardinals Lieblingsstation. „Ich liebe den Ausblick und es gibt hier in der Umgebung recht einfache Skitouren“, sagt sie mit ihrem charmanten irischen Akzent. Der Lockruf der Wildnis hat sie 2002 nach Alberta geführt und die Berge haben sie (und ihren Mann Bill, der auch für den Alpine Club arbeitet) seitdem nicht mehr losgelassen. Die zweifache Mutter ließ sich zum Rafting-Guide und Wander-Guide ausbilden und fährt Skistreife am Lake Louise. Ihr neuestes Projekt ist die Ausbildung zum Ski-Guide. „Ich fühle mich nur draußen wohl“, meint sie lachend. Dass sie ihren Job liebt, merkt man ihr an. Wenn ihr mit diesem quirligen Energiebündel auf Tour geht, könnt ihr sicher sein, den perfekten Ski-Guide an eurer Seite zu haben.

„Wapta zählt zu den schönsten Orten der Erde.“ 

Erlebnisse wie die Wapta Traverse sollten auf jeder Das-sollte-man-unbedingt-gemacht-haben-Liste stehen. Ryan Bray.

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Tag 3: Der Aufstieg. Von der Peyto Hut zur Balfour Hut

Seid ihr schon mal angeseilt auf einen Gipfel gestiegen? Ich auch nicht. Das wird sich heute ändern. Etwa auf halber Strecke zwischen dem Mount St. Nicholas und dem Mount Olive steigen wir aus den Skiern, und Gudjonson legt uns das Sicherungsseil an. Ich blicke nach oben. Und noch weiter nach oben. Bevor ich Angst bekommen kann, setzt Gudjonson energisch einen Schritt vor den nächsten. Ich fühle, wie ich an meine körperlichen Grenzen stoße. Wenn ich nicht mithalten kann, werde ich gezogen. In einer Hand halte ich eine Eisaxt, in der anderen einen Stock. Zu beiden Seiten gähnt nur noch ein weißer Abgrund. Zuletzt stoßen wir auf Felsgestein und dann ist um uns herum nur noch Himmel. Mein erster Gipfel.

Momente wie diese lassen das Herz jedes Abenteurers höherschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen lasse ich den Blick über den Gletscher schweifen. Nirgendwo auch nur das geringste Anzeichen für die Anwesenheit anderer Menschen. Diese Faszination war es, die die ersten Kletterer getrieben hat. Genau dafür nehmen wir wochenlange Planungen auf uns und sparen jahrelang Geld: für fünf Minuten auf einem Berggipfel, nach denen nichts mehr so ist wie vorher. 

In der Balfour Hut werden wir schon von Neil Baker erwartet, einem ACC-Mitarbeiter, der uns auf Skiern mit frischer Verpflegung versorgt. Neil ist die Art von Mensch, die einem breit lächelnd die Hand entgegenstreckt und sofort zum Freund wird. „Diese Trips sind längst nicht nur was für hartgesottene Extremsportler“, versichert er mir, als wir uns abends in unsere Schlafsäcke kuscheln. „Ich erlebe oft mit, wie Besucher zum allerersten Mal herkommen. Das macht mich total glücklich.“ Neil empfiehlt mir, beim letzten Abstecher zum Außen-WC einen Blick in die Sterne zu werfen. Ich muss nicht mehr auf die Toilette, aber da mein Schlafsack am Fenster liegt, stecke ich den Kopf hinaus in die Nacht. Es ist so still, dass ich die Sterne summen hören kann. 

Der Alpine Club of Canada hat schon Generationen von Besuchern durch die Berge Albertas geführt. Ihr werdet also mit ziemlicher Sicherheit nicht die ungeschicktesten Skifahrer sein, die den Guides je untergekommen sind. Ryan Bray.

Travel Alberta | Ryan Bray

Tag 4: Die Bewährungsprobe. Von der Balfour Hut zur Scott Duncan Hut

Der Wecker klingelt um 5:45 Uhr. Heute steht uns eine echte Bewährungsprobe bevor, der sogenannte Balfour High Col. Wir müssen die Stelle hinter uns gebracht haben, bevor die Sonne den Gletscher erwärmt, da dann oft überhängende Eisbrocken abbrechen (Albertas Antwort auf den Everest). Gudjonson und Cardinal gehen voran und behalten uns sorgsam im Auge, ohne uns unsere Unerfahrenheit spüren zu lassen. Alles ist neu und aufregend. Manchmal bin ich so erschöpft, dass ich selbst nicht begreife, wie ich mich noch auf den Beinen halten kann. Doch das Adrenalin treibt mich voran und irgendwie halte ich durch.

Wir haben es geschafft und atmen erleichtert durch. Dann geht es weiter zur Scott Duncan Hut. Die kleinste der Wapta-Hütten liegt so hoch am Rand des Mount Daly, dass man sie leicht übersieht. Wir lassen uns in den Schnee fallen und saugen die Sonne und das Panorama auf. 

Lawrence spricht über den Alpinismus in Alberta. „Seit 1906 halten wir jährliche General Mountaineering Camps ab, die für viele Teilnehmer ein echter Lebenseinschnitt sind“, erzählt er mir. „Immer wieder geben Menschen danach ihren Job auf, um sich nur noch dem Skisport zu widmen.“ Er weiß, wovon er spricht, denn er ist selbst von Vancouver nach Canmore gezogen, um für den Alpine Club zu arbeiten. Ganz offensichtlich hat er seine Entscheidung noch keine Sekunde bereut.

„Die Hütten sind Teil unserer Philosophie. Unsere Aufgabe ist es, Zufluchtsorte in der Wildnis zu bieten. Viele Besucher sehen anschließend ihr ganzes Leben mit neuen Augen.“

Skifahrer, die die Wapta Traverse hinter sich gebracht haben, berichten von dem einzigartigen Glücksgefühl, etwas geschafft zu haben, was nur wenige Menschen vor ihnen erlebt haben. Sie erzählen auch von schmerzenden Muskeln – aber immer mit einem Lächeln im Gesicht. Ryan Bray.

Travel Alberta | Ryan Bray

Tag 5: Die Heimkehr. Von der Scott Duncan Hut zur Great Divide Lodge

Wir verlassen die alpine Zone. Hinter der letzten Schneewehe erblicke ich zum ersten Mal seit fünf Tagen wieder einen Baum. Schon bald sind wir von Vegetation umgeben, und mir wird klar, dass ich etwas verloren habe: Ein kleines Stück meines Herzens liegt jetzt im Schnee der Wapta Traverse begraben. Ich weiß, dass es dort in guter Gesellschaft ist, denn garantiert ist es den anderen Abenteurern vor mir ganz ähnlich ergangen. Und vielleicht gesellt sich ja auch schon bald euer Herz mit dazu. 


Die Vorstellung einer Skiwanderung im Hinterland kann durchaus respekteinflößend sein. Mit einem erfahrenen Guide an ihrer Seite kommen aber auch Besucher auf ihre Kosten, die nur über mäßige Skierfahrung verfügen. Ryan Bray.

Travel Alberta | Wapta Traverse

Jetzt seid ihr dran

• Nehmt die Wapta Traverse mit dem Alpine Club of Canada in Angriff.
• Yamnuska Mountain Adventures bietet geführte Touren und Wapta-Trips.
• Absolviert einen Lawinenkurs
• Informiert euch unter Avalanche Canada über aktuelle Lawinenwarnungen.
• Die nötige Leihausrüstung bekommt ihr bei Mountain Equipment Co-Op, bei Wilson Mountain Sports in Lake Louise oder Gear Up in Canmore. 
• Literaturtipp: Summits and Icefields 1— Canadian Rockies Alpine Ski Tours von Chic Scott. 
• Holt euch die vom ACC herausgegebene Routen- und Ausrüstungsliste.
• Ihr sucht für den Einstieg einen Trip, der eine Nummer kleiner ist? Rund um den Icefields Parkway bieten sich verschiedene lohnende Routen an, z. B. am Parker Ridge, dem Bow Summit, den West Nile Glades oder den Crowfoot Glades.


In den Bergen Albertas gibt es mehr Möglichkeiten für Skitouren als in den Resorts, obwohl das Angebot auch dort ausgezeichnet ist. Ryan Bray.

Travel Alberta | Ryan Bray

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