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WIE EIN KLEINER NATIONALPARK IN ALBERTA DAZU BEITRÄGT, DEN BISON VOR DEM AUSSTERBEN ZU BEWAHREN

Michael Hingston

Travel Alberta

Sep 26, 2017 - Lesedauer: 13 Minuten

Ein knackig frischer, wolkenverhangener Morgen in einem entlegenen Tal am östlichen Rand des Banff National Park. Auf dem Boden stehen fünf speziell ausgerüstete Frachtcontainer, in denen es leicht rappelt. Darin befinden sich 16 Präriebisons – pro Container drei bis vier Tiere, die nicht ganz Schulter an Schulter stehen. Jeder Bison trägt einen Zahlenchip am Ohr und ein spezielles Halsband. Die Hörner sind mit Gummiband umwickelt, um gegenseitige Verletzungen zu vermeiden.

Draußen warten die Mitarbeiter von Parks Canada in ihren waldgrünen Jacken und Mützen auf das Signal. Schon wird es gegeben, und die Türen der Container öffnen sich. „Auf diesen Moment haben wir alle gewartet“, so Karsten Heuer, der leitende Parkbiologe für dieses Projekt. Ein dumpfes Grollen erfüllt die Luft, als sich Tausende Pfund Muskeln und Fell in Bewegung setzen und auf die Wiese traben. Und so schnell ist es vollbracht: Nach über einem Jahrhundert schmerzvoller Abwesenheit leben wieder wilde Bisons in Kanadas ältestem Nationalpark.

Für alle Beteiligten ist dies ein historischer und sehr emotionsgeladener Tag. Eigentlich beginnt die Geschichte dieser Bisons aber schon am Nachmittag zuvor im rund 400 Kilometer entfernten Elk Island National Park. In diesem 194 Quadratkilometer großen, vollständig umzäunten Park sind die Tiere geboren und aufgewachsen. Und hier wurden die zwei Jahre alten Bisons –10 trächtige Weibchen und sechs Bullen – in die Container geladen, auf die Ladeflächen von Pickups verfrachtet und dann zum fünf Stunden südwestlich gelegenen Rand der Ya-Ha-Tinda Ranch gebracht. Dort blieben die Container über Nacht stehen, während ein Betreuer über die Lautsprecheranlage Mozart spielte, um die Tiere ruhig zu halten. Am nächsten Morgen hob ein Helikopter die Container von den Pickups und transportierte sie nacheinander ins 15 Minuten entfernte Panther River Valley, wo das Team von Parks Canada sie schon ungeduldig erwartete.


RÜCKKEHR DER WILDEN BISONS

Ein ganz besonderer Moment: Nach jahrelanger Planung kehren wilde Bisons in den Banff National Park zurück.

Genauso gut könnte man aber auch behaupten, dass die Geschichte der Bisons noch viel früher angefangen hat – nämlich vor 20 Jahren, als der Ort Banff nach 100 Jahren durchgängiger Nutzung sein eingezäuntes Bisongehege schloss. Bei den dort lebenden Tieren handelte es sich nicht um wilde Bisons, sondern um eine reine Schauherde. Die Tiere interagierten nicht mit ihrem Ökosystem, waren vor Feinden geschützt und mussten mit zusätzlichem Heu gefüttert werden. Nichtsdestotrotz waren es echte Bisons. Als den Mitarbeitern aber auffiel, dass die Koppel die Migration anderer Wildtiere im Park behinderte, wurde der Entschluss gefasst, das Gehege aufzugeben.

In Wahrheit beginnt die Geschichte der Bisons aber Ende des 19. Jahrhunderts, als europäische Siedler Jagd auf die Tiere machten und die Gattung nahezu ausrotteten.Innerhalb einer Generation wurde der Präriebison – der zu mehreren Dutzend Millionen auf dem Kontinent lebte und für zahlreiche Ureinwohnerstämme von zentraler praktischer und spiritueller Bedeutung war – zu kaum mehr als einer blassen Erinnerung dezimiert.

Doch just als die Situation am hoffnungslosesten schien, tauchte wieder Licht am Ende des Tunnels auf. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der östlich von Edmonton gelegene Elk Island National Park zum unverhofften Retter der Gattung. Obwohl sich der Park ursprünglich nicht mit Bisons beschäftigt hatte, bewahrte er die Tierart vor dem Aussterben und beteiligte sich in den folgenden Jahrzehnten an der Gründung neuer Herden in ganz Kanada und darüber hinaus.


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm der Elk Island National Park bei Edmonton eine kleine Herde fast ausgestorbener Bisons von der Flathead Indian Reservation auf. Dem Zuchtprogramm des Parks ist es zu verdanken, dass die Säugetiere seitdem überall auf der Welt wieder angesiedelt werden konnten.

Noel Hendrickson

Heute zählt der Elk Island National Park, in dem Hunderte Unterarten von Prärie- und Waldbisons, zahlreiche Wapitis und über 250 Vogelarten leben, nicht nur zu den versteckten Juwelen Albertas, sondern zieht auch zunehmend Touristen aus dem Ausland an. Besucher können im Winter auf dem malerischen Astotin Lake eislaufen, im Sommer auf über 60 Camping- und Zeltplätzen im Park übernachten (z. B. auch in sogenannten neuen oTENTiks, einer Kombination aus Hütte und Zelt) und das ganze Jahr hindurch einige der majestätischsten Tiere beobachten, die auf dem nordamerikanischen Kontinent beheimatet sind. Der ursprüngliche Grund für den Erfolg des Parks lässt sich mit einem Wort erklären: Zäune.

Als die Population an wilden Bisons um die Wende zum 20. Jahrhundert nahezu verschwunden war, entschloss sich die kanadische Regierung zum Kauf einiger der letzten noch verbliebenen Tiere von privaten Höfen in den USA. Nördlich der Grenze stieß man aber auf ein Problem. Die Bisons sollten eigentlich im Buffalo National Park unweit von Wainwright im östlichen Zentrum Albertas angesiedelt werden. (Kleine Begriffskunde: Obwohl es sich bei allen nordamerikanischen „Büffeln“ streng genommen um Bisons handelt, sind die beiden Begriffe austauschbar.) Nur waren die Zäune noch nicht fertig. Der Elk Island National Park war dagegen bereits vollständig eingezäunt. Ein zusätzlicher Vorteil lag darin, dass es in der nahen Stadt Lamont einen Bahnhof gab. Also wurden die Bisons vorübergehend in das dortige Schutzgebiet für Wapitis (daher der Name) geschickt. Als der Buffalo National Park dann endlich zur Aufnahme der Tiere bereit war, wurde beschlossen, 50 Bisons dauerhaft im Elk Island National Park zu behalten.

Wenige Jahrzehnte später, in den 1940er Jahren, wurde der Buffalo National Park geschlossen und das Land dem kanadischen Verteidigungsministerium übereignet. 25 Jahre später erwarb der Elk Island National Park eine weitere Herde und festigte damit seine Position als Bison-Hauptquartier. Diesmal wurden größere, seltenere Waldbisons angesiedelt, die vom Wood Buffalo National Park an der Nordgrenze der Provinz hierher verlegt wurden. Um die Herden getrennt zu halten, beschloss die Verwaltung des Elk Island National Park, den Highway 16, der bereits durch die Mitte des Parks verlief, als Trennlinie zu nutzen. Diese Aufteilung ist bis heute erhalten: Während nördlich der Straße Präriebisons umherziehen, patrouillieren im südlichen Teil Waldbisons. Wie die meisten Einwohner Edmontons bin ich schon oft am Elk Island National Park vorbeigefahren. Trotzdem werde ich mich wohl nie an das überwältigende Gefühl gewöhnen, das ich jedes Mal verspüre, wenn ich hinter dem Eingangsschild zum Park links abbiege und die bulligen, ernsten Gesichter im Gebüsch erblicke. Es scheint fast so, als wollten sie mich persönlich in ihrem Zuhause willkommen heißen. Auch heute ist das nicht anders.


GEBURT EINES BISONS IN BANFF

Unter den Bisons, die vom Elk Island National Park umgesiedelt wurden, befanden sich mehrere trächtige Weibchen. Kurz nach ihrer Ankunft im Banff National Park brachten sie ihre Jungen zur Welt und legten damit den Grundstein für die erste neue Generation im Park.

Der Bison ist unser Herz und unsere Seele.

Kurt Buffalo, Häuptling der Samson Cree Nation

„Bisons sind äußerst intelligente Tiere“, so Karsten mit einem bewundernden Blick in die Ferne. „Sie haben ein extrem gutes Gespür und sind sehr ansprechbar, was mich immer wieder aufs Neue begeistert. Die Tiere können über 900 Kilogramm auf die Waage bringen, aber wenn sie sich in Bewegung setzen, sehen sie so grazil aus wie Gazellen. Sie verbinden auf einzigartige Weise Anmut mit Stärke.“ Karsten hat Erfahrung mit der kanadischen Wildnis 2007 ist der studierte Biologe und erfahrene Outdoor-Liebhaber mit seiner Frau und dem damals zweijährigen Sohn für eine Dokumentation des National Film Board auf den Spuren des berühmten Naturschriftstellers Farley Mowat quer durch das ganze Land gepaddelt.

Trotzdem flößen ihm die Bisons besondere Ehrfurcht ein. Und damit ist er längst nicht allein. Wenige Tage vor Abreise der 16 auserwählten Bisons in den Banff National Park haben sich einige Mitarbeiter von Parks Canada sowie Häuptlinge, Stammesälteste und andere interessierte Teilnehmer im Elk Island National Park versammelt. Anlass sind die Segnungszeremonien von Vertretern derjenigen Ureinwohner-Nationen, die ihr Land im 19. Jahrhundert im Rahmen des sogenannten Treaty 6 (Zentral-Alberta und Saskatchewan) und Treaty 7 (Süd-Alberta) aufgeben mussten. Diese Nationen haben gleich mehrfach Grund zum Feiern. Sie erleben nicht nur die Rückkehr wilder Bisons in den Banff National Park, sondern sind auch Mitunterzeichner eines neuen Vertrags, der auf den Schutz und die verstärkte Wiederansiedlung der Bisons in der nordamerikanischen Prärie abzielt. Laut Kurt Buffalo, dem Häuptling der Samson Cree Nation, ist dies das erste Dokument seit über einem Jahrhundert, das von mehreren First Nations unterzeichnet wurde. Dass sie das Tier zusammengebracht hat, das jahrhundertelang untrennbar mit dem Schicksal ihrer Vorväter verbunden war, verleiht dem Moment noch zusätzliche Symbolkraft.


„Der Bison ist unser Herz und unsere Seele“, so Kurt. „Unsere Zeremonien sind aus den Geschenken hervorgegangen, die uns der Bison früher gemacht hat.“ Einer der anderen Häuptlinge vergleicht die Bisons gerne mit dem „ersten Wal Mart“, weil sie die eingeborenen Stämme mit allem Lebensnotwendigen versorgten – vom Essen über Kleidung und Behausung bis hin zu Werkzeugen. All das macht ihr Verschwinden umso tragischer. „Stellt euch vor, ihr hört daheim Tag für Tag die Schritte eurer Kinder“, ergänzt Kurt. „Ihr seid daran gewöhnt und kennt es nicht anders. Und dann verstummen die Schritte auf einen Schlag. Stille macht sich breit. So ist es mit Mutter Erde. Sie wartet auf die Rückkehr ihrer Büffel.“

Der Prozess zur Wiederansiedlung dieser Herde hat sich über mehrere Jahre erstreckt. Die Idee kam erstmals 1997 auf, als das Schaugehege im Banff National Park geschlossen wurde. Bis zum Jahr 2010 hatte es das Projekt auf den 10-Jahres-Plan des Parks geschafft. Es folgten umfassende Recherchen, Analysen und Modellversuche, um die – positiven wie negativen – Auswirkungen der Bisons auf die Natur zu untersuchen.

Karsten weist darauf hin, dass diese Arbeiten so sorgfältig und genau wie möglich durchgeführt wurden. Er kann aber auch seine Begeisterung über die Tragweite des Projekts und die damit verbundenen, fast schon existenziellen Fragen nicht verbergen. „Sind wir als moderne Gesellschaft bereit, diesem Tier den Platz einzuräumen, den es benötigt?“, fragt er, während er die 16 ausgewählten Bisons beobachtet, die friedlich schnaubend in der Ferne grasen. „Welche Opfer ist uns der Erhalt von Wildnis wert? Diese Fragen haben mich schon mein ganzes Leben lang immer wieder beschäftigt und mich wahrscheinlich auch zur Mitarbeit an diesem Projekt verleitet.“

Insgesamt wurden schon über 2.500 Bisons aus dem Elk Island National Park umgesiedelt, unter anderem in verschiedene kanadische Parks zwischen dem südlichen Saskatchewan und dem Yukon, in Ureinwohner-Reservate im US Bundesstaat Montana und sogar nach Russland. Parkmitarbeiterin Lauren Markewicz erzählt, dass es derzeit 11 neu angesiedelte Waldbisonherden in Nordamerika gibt, von denen acht aus Tieren aus dem Elk Island National Park hervorgegangen sind.


Sie verbinden auf einzigartige Weise Anmut mit Stärke“, erklärt der Biologe Karsten Heuer seine Faszination für Bisons. Der studierte Biologe und Leiter des Wiederansiedlungsprogramms im Banff National Park ist auch ein erfahrener Outdoor-Liebhaber, der vor einigen Jahren für einen Dokumentarfilm über den berühmten Naturschriftsteller Farley Mowat mit seiner Frau und dem damals zweijährigen Sohn quer durch Kanada gepaddelt ist.

Curtis Comeau

Die Langlebigkeit ist nicht der einzige Vorteil. Da der Park vollständig eingezäunt ist und strenge Krankheitsprotokolle führt, haben die Bisons aus dem Elk Island National Park laut der Canadian Food Inspection Agency keine größeren meldepflichtigen Krankheiten. „Diese offizielle Bescheinigung ermöglicht es uns, Bisons mit minimalem Risiko in andere Gegenden umzusiedeln“, so Pinette Robinson, Leiterin des Bisonprogramms im Elk Island National Park. In den letzten Jahren hat der Park auch neue Techniken für den Umgang mit Bisons entwickelt, die auf einem System des renommierten Tierexperten Temple Grandin basieren und darauf abzielen, den Stress für die Tiere auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Die neuen Fanggehege im Elk Island National Park haben glatte Wände ohne scharfe Ecken oder Kanten und sind mit einer Reihe von erhöhten Laufstegen ausgestattet, auf denen sich Menschen von den Tieren unbemerkt aufhalten können.

Natürlich kann nichts einen Bison darauf vorbereiten, in einem Frachtcontainer über die ausgedehnten Kanadischen Rocky Mountains geflogen zu werden.  Doch Pinette, Karsten und die Mitarbeiter im Elk Island National Park versuchen ihr Möglichstes, um die Tage vor dem Flug so erholsam wie möglich für die Tiere zu gestalten.


WIEDERGUTMACHUNG EINER SCHULD

Aus dem einzigartigen Zuchtprogramm des Elk Island National Park ist der Grundstock für Herden hervorgegangen, die sogar an weit entfernten Orten wie Russland wiederangesiedelt wurden.

Den Freunden im Elk Island National Park ist es zu verdanken, dass hoffentlich schon bald wieder eine wilde Bisonherde im Banff National Park lebt. Für Karsten ist die Arbeit aber noch längst nicht vorbei. In den kommenden 16 Monaten wird er die Tiere in ihrem ca. 18 Hektar großen Auswilderungsgehege beobachten. In diesem Zeitraum werden die Weibchen zweimal Junge gebären, sodass Mütter und Kälber sich mit der neuen Umgebung vertraut machen können. Im Juni 2018 erhalten die Bisons dann Zugang zu einem größeren, aber immer noch relativ isolierten Bereich, dessen Größe in etwa einem Fünftel des Parks entspricht.

Dieser langwierige Prozess ist nötig, damit sich die wilde Bisonpopulation nachhaltig erholen kann. Und die Mitarbeiter, die hier die ersten 16 Tiere in ihre angestammte Heimat entlassen, sind sich der Tragweite dieses ersten Schritts voll bewusst. „Das ist ein unglaublich bedeutsamer Moment für mich“, so Karsten. „Haben wir vor, den Bisonbestand mit diesem Projekt auf seine ursprüngliche Größe zurückführen? Nein. Aber ich denke, wir legen hier den Grundstein dafür, dass sich die Tiere wieder frei in ihrer alten Heimat bewegen können. Bestimmt wird die Begegnung mit den Bisons auch für die Parkbesucher ein absolut überwältigendes Erlebnis sein.“

Die Rückkehr der Bisons hat zahlreiche Auswirkungen auf das Ökosystem im Park, denn die Tiere und Pflanzen, mit denen sie in Kontakt kommen, müssen das Miteinander erst wieder lernen. Doch diese konkret greifbaren Folgen verblassen im Vergleich zur psychologischen Bedeutung für zahlreiche kanadische Ureinwohnerstämme.

„Wenn man bedenkt, dass es nur noch eine Handvoll dieser Tiere gab, und sich anschaut, wo wir heute sind, dann sagt das viel über das Tier selbst und seinen unbändigen Überlebenswillen aus“, meint Kurt mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. „Der Bison ist hart im Nehmen.“ Und vielleicht, so fügt er hinzu, können ja auch wir Menschen einiges vom Bison lernen. „Denn wenn wir uns nicht um Mutter Erde kümmern, dann stehen wir auch ganz schnell selbst auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.“

Zum Glück müssen Besucher keinen Helikopter chartern, um die Bisons in der Wildnis von Banff zu bewundern. Fahrt einfach von Edmonton aus Richtung Osten zum Elk Island National Park und haltet Ausschau nach dem Begrüßungskomitee. Keine Sorge, ihr werdet es bestimmt erkennen.


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