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So macht Edmonton den Winter zur schönsten Zeit des Jahres

TODD BABIAK

Travel Alberta

Sep 26, 2017 - Lesedauer: 5 Minuten

Ein kalter Abend im Februar. Aus der Mill Creek Ravine, zentral in Edmonton gelegen, steigen Dampf, Holzrauch und Stimmen auf. Auf den Hauptwegen, rund um Tipis und traditionelle Sänger, tummeln sich Paare und Kinder in Parkas, Mützen und dicken Handschuhen.

In nächster Nähe treten Métis-Tänzer zusammen mit einer Live-Band auf, während sich in den ruhigeren Ecken bei öffentlichen Kunstausstellungen Licht, Musik, Geschichte und Politik mit Schnee, Bäumen und Feuer vermischen. Ab und an treten Voyageurs in imaginären Kanus und mit falschen Schnurrbärten an die Gäste heran und stellen ein paar absurde Fragen auf Englisch und Französisch.

Das gibt es nur in Edmonton.


DIE ULTIMATIVE WINTERSTADT

Der ideale Ort, um sich mit alten Freunden zu treffen.

Simon O’Byrne und seine Familie sind auch dabei. Er ist Vice President of Community Planning bei Stantec, einem Beratungsunternehmen aus Edmonton, das einst von einer Person gegründet wurde und jetzt 22.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigt. Bei solchen Veranstaltungen ist Simon besser als der stellvertretende Vorsitzende der „WinterCity Strategy“ bekannt, einem Konzept zur Umwandlung des Umgangs der Einheimischen mit dem Winter.

 „Wir sehen den Winter jetzt als eine Zeit an, in der wir Dinge machen können, die einfach zu dieser Gegend gehören.“


Wir haben es uns gemeinsam zur Aufgabe gemacht, neue Festivals aufzusetzen, die es in dieser Form wirklich nur in Edmonton gibt

so Simon
Rogers Arena

Edmonton beherbergt das erste Museum in Kanada, das sich der Leuchtreklame verschrieben hat. Es befindet sich auf der angesagten 104th Street und ist besonders an langen Winterabenden ein echter Hingucker.

Mike Seehagel

Das Flying Canoe Festival (auch Canoë Volant) kombiniert die Mythen der Ureinwohner und Métis, frankokanadische Traditionen, kanadische Geschichte, bildende Künste, Theater und Dunkelheit. Manchmal fühlt es sich wie eine Party an, zu der jeder seine eigene Thermoskanne mitbringt. Und manchmal fühlt es sich wie ein Gottesdienst unter freiem Himmel an.

Am Ende des Spaziergangs gehen Simon, seine Frau Lianna Chondo und ihre Töchter durch das French Quarter von Edmonton zur ganzjährig geöffneten Terrasse des Café Bicyclette. Auf dem Weg dorthin begegnen ihnen Langläufer, Männer und Frauen auf Fatbikes (spezielle Fahrräder für den Winter) und Jogger mit Stirnlampen. Und wie sollte es auch anders kommen: Natürlich tritt jemand an die drei heran und fragt, ob sie sich für das Kanurennen anmelden möchten, das auf dem Skihügel um die Ecke stattfindet. Ja, dabei fliegen Kanus die schneebedeckten Hügel hinunter. Noch Fragen?


Downtown Edmonton

Vor nicht allzu langer Zeit konnten die Winternächte in Edmonton schon mal etwas langweilig sein. Doch das ist vorbei. Die Stadt hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Winter richtig auszukosten. Jetzt könnte der Winter also die beste Zeit des Jahres sein (aber pssst ... verratet es bloß nicht dem Sommer).

Mike Seehagel

Vor nicht allzu langer Zeit wäre dies ein recht langweiliger Februarabend gewesen.

Im Jahr 2012 half Simon dabei, eine Freiwilligeninitiative auf die Beine zu stellen, mit der einige wenige „den Winterspaß zurückholen“ wollten. Dabei ging es um Themen wie urbane Gestaltung, Nahverkehr, Erholung und Unternehmertum. Die größte Herausforderung schien es jedoch zu sein, zu ändern, wie die Einheimischen über den Winter dachten und redeten.

Sie brauchten eine neue Geschichte.

Ice Castles in Edmonton

Die Ice Castles in Edmonton machen aus gefrorenen Türmen, Torbögen und Rutschen ein zauberhaftes Wunderland ganz aus Eis. Und das Beste kommt noch: Am Abend werden die Ice Castles sogar beleuchtet.

@HandLuggageOnly

Bei Gesprächen mit Erwachsenen erfuhren Simon und seine Mitstreiter oft das gleiche: Als Kinder hatten alle den Winter geliebt. Die Jahreszeit war geheimnisvoll und verträumt – der Winter hatte ihnen einfach Spaß gemacht. Am liebsten erinnerten sich die Befragten dabei an Momente an der frischen Luft, die über Skifahren und Schlittschuhlaufen hinausgingen. Die Leute waren kreativ: Schneeballschlachten, Schneeengel, Schneeköniginnen in Schlössern, Schneespione in Schneetunneln.

River Valley

Mike Seehagel

Doch als Erwachsene beschwerten sich viele in Edmonton bis vor kurzem über den Schnee und die Dunkelheit. Sie versuchten mit Filmabenden, Autofahrten von Tür zu Tür und ein bis zwei Wochen Strandurlaub pro Jahr dagegen anzukämpfen.

Die Mitglieder des Ausschusses beobachteten, welche Beziehung die nordeuropäischen Städte zum Winter haben: Straßenfeste und Rituale in Reykjavik, Oslo und Helsinki, mutige Radfahrer in Kopenhagen, Glühweinmärkte in Straßburg.

Doch aller Anfang war schwer. Journalisten und Radiomoderatoren beschwerten sich über die Kälte und sprachen von den Vorzügen der Einkaufszentren. Die anfänglichen Versuche, den Bürgern von Edmonton neue Aktivitäten schmackhaft zu machen, hatten etwas von Lebertran: ziemlich gesund, aber nicht besonders lecker.

Man kann eben nicht einfach das nach Edmonton importieren, was in Island oder Wisconsin gut funktioniert. Der Geburtsort der nordamerikanischen


Fatbiking

So kann man den Winter auch genießen:Eine Fahrradtour im Schnee! Fatbikes mit ultradicken Reifen passen perfekt zum schneebedeckten Flusstal in Edmonton. Es ist so einfach wie Fahrradfahren.

@HandLuggageOnly

Fringe-Theaterbewegung ist recht stur, wenn es um Kultur geht. Die Einheimischen wollen selbst für ihren Spaß verantwortlich sein. Mit den Worten von Shirley Lowe, der ehemaligen Chefhistorikerin der Stadt: „Wenn wir in Edmonton etwas nicht selber erschaffen, dann gehört es uns nicht.“

Das Endergebnis war einfach, wenn nicht sogar etwas naiv: „Geht raus und spielt“.

Die Bürger von Edmonton veranstalteten ihre eigenen Fatbike-Treffen. Sie organisierten riesige Schneeballschlachten. Sie überzeugten die Stadtverwaltung davon, die Einschränkung für die Nutzung von Außenterrassen im Winter aufzuheben, und brachten Beamte dazu, im Central River Valley Langlaufloipen einzurichten.


Edmonton

Als die Mitglieder des Winter City Committee in Edmonton die Einheimischen über den Winter befragten, kamen viele tolle Kindheitserinnerungen an die kalte Jahreszeit wieder hoch. Damals wurde im Schnee gespielt, über das Eis gerutscht oder gerodelt. Die Mitglieder des Ausschusses erkannten recht schnell, dass dies tolle Beschäftigungen sind – unabhängig vom Alter.

Mike Seehagel

Bürger spendeten für eine neue Beleuchtung für die historische High Level Bridge. Sie riefen einige verrückte, aber coole neue Festivals ins Leben, darunter das Flying Canoe und das multikulturelle Deep Freeze, und sie weiteten bereits bestehende Feste wie das Silver Skate, das Canadian Birkebeiner und den jährlichen Matsch-Cup im Edmonton Ski Club aus. Das gastronomische Angebot sowie eine Mischung aus neuen und alteingesessenen Ritualen setzten dem Ganzen das I-Tüpfelchen auf. Die Organisatoren traditioneller Wintertheater- und Musikveranstaltungen brachten die Events unter den freien Himmel und statteten sie mit Fackeln aus.

Im Vergleich zum Stand von vor wenigen Jahren fühlt sich Edmonton von November bis März jetzt wie eine völlig andere Stadt an. Diese Veränderungen kamen so plötzlich, dass Edmonton eine internationale Konferenz mit dem Ziel ins Leben rief, um nördliche Städte ganz schamlos noch nördlicher zu machen – den Winter Cities Shakeup. Im Februar 2017 fand die zweite Ausgabe der Konferenz unter unüblichen Bedingungen statt: bei Sonnenschein, 16 Grad und ohne Schnee. Vor zehn Jahren wäre das Anlass zur Freude gewesen.

Doch heute ist es für die Organisatoren und Sprecher wie Simon fast ein bisschen peinlich.
Früher luden die Bürger von Edmonton im August ihre Freunde und Verwandten ein, um an langen Sommertagen auf das Fringe Fest und das Folk Fest zu gehen. Heute kann man zumindest kunstverliebten Abenteurern auch die langen Nächte im Februar problemlos schmackhaft machen. Alles, was man braucht, sind ein Paar warme (und schicke) Winterstiefel. Und eine Thermoskanne darf natürlich auch nicht fehlen.


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